A C1 aesthetics essay on the in-between state of decay, and why a ruin from last year is called structural damage — pre-noun participles and genitive prepositions.
Der Anblick verfallener Gebäude löst zuverlässig ein Gefühl aus, für das es im Deutschen kein gutes Wort gibt. Es ist keine Trauer, denn man kennt die Bewohner nicht, und keine Freude, obwohl man ungern wieder weggeht. Angesichts dieser Unbestimmtheit hat die Ästhetik den Ruinen seit dem achtzehnten Jahrhundert eigene Kapitel gewidmet.
Die damals gegebene Erklärung hält sich bis heute: Eine Ruine zeigt den Verfall in einem Zustand, in dem er noch nicht abgeschlossen ist. Das halb überwucherte Mauerwerk lässt beides zugleich erkennen, die Absicht und ihr Scheitern. Ein vollständig zerfallenes Gebäude wäre bloß ein Haufen, ein instand gehaltenes bloß ein Haus. Nur der Zwischenzustand erlaubt es dem Betrachter, den Vorgang zu sehen statt allein das Ergebnis.
Trotz dieser Erklärung bleibt etwas Unbehagliches an der Sache. Die zur Sehenswürdigkeit erklärte Ruine war meistens jemandes Wohnung, Fabrik oder Kirche, und ihr Verfall hatte in aller Regel einen Grund, der niemandem gefiel. Der ästhetische Genuss lebt insofern davon, dass genügend Zeit vergangen ist — die Ruine des vergangenen Jahres nennt man Bauschaden.
Vielleicht erklärt das die eigenartige Gereiztheit mancher Debatten über den Abriss. Wer für den Erhalt eintritt, verteidigt selten das Gebäude allein; er verteidigt den Abstand, den es sichtbar macht. Ohne solche Zeugen wirkt eine Stadt, als sei sie vorgestern entstanden — und als ließe sich alles, was in ihr steht, ebenso schnell wieder entfernen.
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