A C1 essay on why the currency metaphor for attention quietly misdescribes reading — dense nominalisation, extended attributes and a concessive turn to read past.
Dass Aufmerksamkeit knapp sei, gehört zu den wenigen Sätzen, denen heute niemand widerspricht. Bemerkenswert ist weniger die Feststellung selbst als die Selbstverständlichkeit, mit der sie inzwischen ökonomisch gewendet wird: Aufmerksamkeit gilt als Währung, als Ressource, als etwas, das sich abschöpfen lässt. Die Metapher hat sich so gründlich durchgesetzt, dass kaum noch auffällt, wie viel sie stillschweigend voraussetzt.
Denn eine Währung hat einen Kurs, und eine Ressource lässt sich fördern. Beides trifft auf die menschliche Zuwendung nur bedingt zu. Wer einem Text zwanzig Minuten widmet, gibt nicht zwanzig Einheiten eines Rohstoffs ab; er tut etwas, das ihn verändert. Die im ökonomischen Vokabular angelegte Vorstellung eines neutralen Transfers verfehlt genau diesen Punkt — und mit ihm die Frage, ob alle Zuwendung gleich viel wert ist.
Die Folgen dieser begrifflichen Unschärfe sind nicht bloß akademisch. Wo Aufmerksamkeit gemessen wird, wird sie in Einheiten gemessen, die sich zählen lassen: Klicks, Verweildauer, Wiederkehr. Was sich der Zählung entzieht — das langsame Verstehen, das Umdenken, der Satz, der noch Wochen später nachwirkt —, taucht in keiner Statistik auf und fällt deshalb aus der Bewertung heraus. Nicht weil man es für unwichtig hielte, sondern weil das Instrument es nicht erfasst.
Man könnte einwenden, dass jede Messung vereinfacht, und das wäre richtig. Doch eine Vereinfachung, die man für die Sache selbst hält, ist keine Vereinfachung mehr, sondern ein Irrtum. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit beschreibt nicht, wie Menschen lesen. Sie beschreibt, was sich von ihrem Lesen erfassen lässt.
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