Wer eine Sprache wirklich beherrscht, erkennt man weniger an dem, was gesagt wird, als an dem, was ungesagt bleibt. Das Deutsche, dem gern eine gewisse Direktheit nachgesagt wird, verfügt in Wahrheit über ein erstaunlich fein abgestuftes Instrumentarium der Zurückhaltung.
Man denke an den Konjunktiv, jene grammatische Form, die eine Bitte in einen bloßen Vorschlag verwandelt: „Könnten Sie …?“ klingt weit weniger fordernd als das nackte „Können Sie …?“. Oder an die zahllosen Partikeln — „mal“, „eben“, „halt“ —, die einem Satz seine Schärfe nehmen, ohne seinen Inhalt zu verändern.
Höflichkeit ist in dieser Lesart keine bloße Verzierung, sondern eine Technik der Rücksichtnahme: das kunstvolle Offenlassen einer Tür, durch die der andere sein Gesicht wahren kann. Eine Sprache zu lernen hieße demnach nicht nur, ihre Regeln zu kennen, sondern zu spüren, wann man sie besser nicht bis zum Äußersten ausreizt.