A C1 essay on fidelity, loss and why translations age while originals do not — a text carried almost entirely by Konjunktiv II and heavy nominalisation.
Man erkennt eine gute Übersetzung daran, dass man nicht an sie denkt. Das ist ein hartes Berufsbild: Gelingt die Arbeit, verschwindet sie; misslingt sie, wird sie zum Gegenstand. Kaum ein anderes Handwerk wird so zuverlässig nur im Scheitern bemerkt.
Die verbreitete Vorstellung, es gehe darum, Wörter durch Wörter zu ersetzen, hält sich hartnäckig. Wäre sie zutreffend, wäre das Problem längst gelöst. Tatsächlich beginnt die Schwierigkeit dort, wo zwei Sprachen die Welt unterschiedlich zerschneiden: Was im Deutschen ein Wort ist, sind anderswo drei, und was dort eine eigene Höflichkeitsform verlangt, kennt das Deutsche nur als Tonfall.
Übersetzer sprechen deshalb ungern von Treue. Treu wozu — zum Wortlaut, zur Wirkung, zum Rhythmus? Man müsste sich entscheiden, und jede Entscheidung kostet etwas. Ein Wortspiel ließe sich wörtlich wiedergeben, dann wäre es keines mehr; man könnte an derselben Stelle ein anderes erfinden, dann stünde es nicht mehr im Original. Beides ist vertretbar, beides ist ein Verlust, und die Behauptung, es gebe hier eine richtige Lösung, hielte keiner Prüfung stand.
Vielleicht liegt darin der Grund, warum Übersetzungen altern und Originale nicht. Nicht die Vorlage verändert sich, sondern das, was eine Zeit für selbstverständlich hält. Eine Übersetzung ist immer auch ein Dokument ihrer Gegenwart — und muss deshalb, anders als das Original, irgendwann ersetzt werden.
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