A B2 reading text on the ethics of recommendation algorithms — passive voice, Konjunktiv II and conditional clauses without wenn, in an essayistic register.
Kaum jemand sucht noch. Vorgeschlagen wird ohnehin: der nächste Song, die nächste Serie, der nächste Artikel. Was früher eine Entscheidung war, ist heute eine Bestätigung — man nimmt an oder wischt weg.
Dagegen ist zunächst wenig zu sagen. Wer täglich zwischen Millionen Titeln wählen müsste, käme zu nichts. Empfehlungssysteme reduzieren Komplexität, und das tun Bibliothekarinnen und Freunde auch. Der Unterschied liegt im Auftrag: Ein Freund empfiehlt, was ihm gefällt; ein System empfiehlt, was die Verweildauer verlängert.
Daraus folgt kein Vorwurf der Manipulation, wohl aber eine Frage der Verantwortung. Denn die Wirkung eines Vorschlags hängt nicht davon ab, ob er gut gemeint war. Wird über Monate hinweg immer dasselbe angeboten, verengt sich der Geschmack, ohne dass es jemand bemerkt.
Was also könnte helfen? Vermutlich weniger ein Verbot als eine Pflicht zur Erklärbarkeit. Man müsste sehen können, warum einem etwas vorgeschlagen wird, und man müsste es abstellen können. Solange „Warum sehe ich das?“ eine unbeantwortbare Frage bleibt, ist die Wahl zwar frei, aber schlecht informiert.
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